Die European Container Cloud mit Jonas Scholz von sliplane.io (#177)
In Folge 177 von Happy Bootstrapping habe ich mit Jonas Scholz gesprochen, Co-Founder von Sliplane. Sliplane ist eine European Container Cloud: Man verbindet sein GitHub-Repository, und die Anwendung läuft – auf eigener Infrastruktur, inklusive Domains, SSL und Backups, ganz ohne dass man sich mit Kubernetes auseinandersetzen muss.
Das Spannende ist dabei weniger das Produkt als die Frage, wie zwei Leute eine echte Cloud in fünf Regionen betreiben – gebootstrappt und mit einem Marketing, das bewusst aneckt.
Du kannst dir die Folge auf YouTube anschauen oder wie immer bei Spotify, Apple und allen anderen Playern anhören.
Vom Corona-Hackathon zur eigenen Cloud
Kennengelernt haben sich Jonas und sein Co-Founder Lukas Mauser 2020 bei einem großen Corona-Hackathon. Durch puren Zufall landeten die beiden in derselben Gruppe – und machten über die nächsten drei Jahre immer wieder gemeinsam Freelance-Jobs. Irgendwann hatten beide keine Lust mehr auf das reine Auftragsgeschäft und stellten sich die Frage, welches eigene Produkt sie bauen könnten.
Die Antwort lag direkt vor ihnen. Bei ihren eigenen Kunden sahen sie immer wieder denselben Wunsch: eine einfache, deutsche Cloud, um ein paar Docker-Container hochzufahren. Kein riesiges Hochverfügbarkeits-Setup bei Hetzner, kein komplexes AWS-Konstrukt – nur ein paar Klicks. Genau das gab es nicht. Also fingen sie an, es nebenbei zu bauen, erst neben dem Studium, während Lukas schon Vollzeit arbeitete. Als genug Geld hereinkam, machten sie es zur Hauptsache. Richtig losgegangen ist Sliplane im April 2024.

Was Sliplane eigentlich macht
Sliplane ist im Kern ein Platform-as-a-Service. Statt sich um Server, Reverse-Proxys oder Zertifikate zu kümmern, verbindet man sein Repository und bekommt eine laufende Anwendung. Heute betreuen Jonas und Lukas – plus eine Werkstudentin – rund 1.100 zahlende Kunden und einige tausend virtuelle Maschinen in fünf Regionen: Deutschland, Finnland, Singapur sowie zwei Standorte in den USA.
Der Anspruch dahinter steckt schon im Claim: European Container Cloud. Für viele Kunden ist genau das ein Argument: Sie wollen ihre Container nicht bei einem US-Hyperscaler liegen haben, sondern bei einem überschaubaren Anbieter, den sie erreichen können. Jonas sieht die eigene Größe dabei als Vorteil.
Wir sind klein und deutsch. Wenn bei uns jemand im Support-Chat ankommt und Deutsch redet, dann antworten wir auch auf Deutsch – und vor allem antworten wir überhaupt.

Wachstum ohne Werbebudget
Spannend wird es beim Marketing. Sliplane wächst praktisch ohne bezahlte Werbung. Der wichtigste Kanal ist Jonas' Schreiben auf dev.to – über 160 Artikel, rund 50.000 Follower. Und die Posts, die am besten funktioniert haben, waren bewusst zugespitzt. Sein bekanntestes Stück trägt den Titel „Stop using AWS".
Ich wurde von 50 Prozent der Leute nur beleidigt, dass ich der größte Idiot sei. Aber die anderen 50 Prozent haben mir zugestimmt – und genau die waren unsere Zielgruppe.
Das Clevere daran: Selbst die Leute, die ihn in den Kommentaren beschimpften, teilten den Post – und sorgten so für noch mehr Reichweite. Der AWS-Artikel landete sogar in einem AWS-Newsletter, wo jemand kommentierte, dieser Typ habe offensichtlich keine Ahnung. Es wurde einer der bestkonvertierenden Beiträge überhaupt. Den zweiten großen Wachstumsschub brachte der n8n-Hype: Als plötzlich viele Leute ihre Automatisierungen selbst hosten wollten, konnten sie das bei Sliplane mit wenigen Klicks.
Ein eigener Server-Stack statt Hyperscaler
Was Sliplane technisch von vielen Wettbewerbern unterscheidet: Die beiden kaufen ihre Plattform nicht zusammen, sie bauen sie. Unter der Haube läuft ein selbst entwickelter Stack auf Basis von Cloud Hypervisor und ein eigener Orchestrator statt Kubernetes – auf eigener Hardware, die sie bei verschiedenen Bare-Metal-Anbietern anmieten. Das hält die Fixkosten niedrig und war einer der Gründe, warum Sliplane früh profitabel wurde.
Genau diese Konstruktion macht das Geschäft aber auch angreifbar für äußere Faktoren. Die jüngste Preiserhöhung bei Hetzner war im Podcast ein großes Thema, weil solche Schritte bei einem Infrastruktur-Startup direkt auf die Marge durchschlagen. Wer die Plattform selbst betreibt, trägt eben auch das volle Risiko.
Die Schattenseite: 24/7-On-Call zu zweit
So sehr die Zahlen beeindrucken – Jonas ist im Gespräch erfrischend ehrlich über den Preis dafür. Eine Cloud zu zweit zu betreiben bedeutet permanente Rufbereitschaft. Wenn nachts um drei etwas ausfällt, gibt es niemanden, an den man das abgeben kann. Nachhaltig sei das gerade nicht, sagt er selbst – aber es mache zu viel Spaß, um sich Grenzen zu setzen.
Es macht gerade so viel Spaß, dass es schwer ist, die eigene Grenze zu ziehen.
Auch die Frage nach einem Verkauf beantwortet er offen: Jeder habe einen Preis. Aber sie bootstrappen ganz bewusst, nicht als schnellen Weg zum Exit – und gerade jetzt wäre ein Verkauf für ihn das Verschenken von viel zu viel Potenzial.
Was ich im Interview gelernt habe
Mich hat besonders beeindruckt, wie konsequent das beste Produkt aus einem Problem entstand, das die beiden selbst ständig vor Augen hatten. Sie mussten keine große Vision erfinden – sie haben schlicht den wiederkehrenden Wunsch ihrer eigenen Kunden ernst genommen und gebaut, was fehlte.
Genauso lehrreich ist Jonas' Umgang mit Reichweite. Eine klare, sogar polarisierende Haltung schlägt brav und unsichtbar. Wer eine Meinung vertritt, zieht Widerspruch an – und Widerspruch ist im Netz eben auch Verbreitung. Entscheidend ist nur, dass die zustimmende Hälfte die echte Zielgruppe ist.
Und schließlich die Ehrlichkeit über die Schattenseiten: Eine Cloud zu zweit zu betreiben klingt nach Freiheit, heißt aber auch Nachtschichten ohne Auffangnetz. Dass Jonas das offen ausspricht, macht die Folge besonders wertvoll.
Learnings für Gründer
- Das beste Produkt steckt oft im Problem, das man als Dienstleister selbst ständig sieht.
- Niedrige Fixkosten verschaffen dir früh Profitabilität – und damit Unabhängigkeit.
- Eine klare Haltung im Content bringt mehr Reichweite als gefälliges Mittelmaß.
- Auch deine Kritiker teilen deine Inhalte – Widerspruch ist Verbreitung.
- Wer seine Infrastruktur selbst betreibt, trägt die volle Marge, aber auch das volle Risiko.
- Bootstrapping ist eine bewusste Entscheidung, kein Notnagel auf dem Weg zum Exit.
Schreib mir Feedback und Fragen gerne per E-Mail oder über LinkedIn.
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Ich bootstrappe übrigens mein eigenes Unternehmen "We Manage", welches Start-Ups und Unternehmen bei Cloud, DevOps und dem nachhaltigen Betrieb von Web Applikationen hilft - buch dir gerne jetzt ein Termin.
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