„95 Prozent im E-Commerce sind Execution" – Femke Bohling von THREE.E (#181)

„95 Prozent im E-Commerce sind Execution" – Femke Bohling von THREE.E (#181)

Folge abspielen

Femke Bohling hat fast zehn Jahre im ABOUT-YOU-Kosmos gearbeitet, zuletzt bei dessen Commerce-Plattform SCAYLE. 2024 hat sie gemeinsam mit ihren Mitgründerinnen THREE.E gegründet – eine E-Commerce-Agentur aus Hamburg, komplett gebootstrappt und bewusst klein gehalten.

In Folge 181 von Happy Bootstrapping spricht sie über ein Agenturmodell, das auf Umsetzung statt auf schöne Strategieslides setzt, über ein komplett auf KI umgestelltes Betriebssystem und über die Frage, wofür es Beratung in der KI-Ära überhaupt noch braucht.

Die ganze Folge gibt es auf YouTube, Spotify, Apple Podcasts und allen anderen Playern.

Von Rocket Internet über SCAYLE zur eigenen Agentur

Femkes Weg führt über einige der prägenden Namen der deutschen Digitalwirtschaft. Nach dem Studium sammelte sie erste Erfahrung bei Rocket Internet und InnoGames, bevor sie fast zehn Jahre im ABOUT-YOU-Umfeld verbrachte – zuletzt bei der Commerce-Plattform SCAYLE, mit der ABOUT YOU sein Shop-Know-how als Software an andere Händler verkauft. In dieser Zeit hat sie den E-Commerce nicht nur als Marketerin, sondern bis in die technische und operative Tiefe kennengelernt.

Aus diesem Kreis heraus entstand 2024 THREE.E. Femke gründete die Agentur nicht allein, sondern gemeinsam mit ihren Mitgründerinnen – ein Teil davon kam direkt aus dem SCAYLE- und ABOUT-YOU-Kontext, eine weitere Mitgründerin kannte sie privat und verantwortet heute vor allem den operativen und kaufmännischen Unterbau. Das Team ist bewusst überschaubar geblieben.

„95 Prozent sind Execution": die Philosophie hinter THREE.E

Der Name THREE.E steht für Expertise, Execution und Enablement – und die Reihenfolge ist kein Zufall. Während viele Agenturen ihr Geld mit Strategiepapieren verdienen, sieht Femke die eigentliche Arbeit woanders.

„Wir haben immer so ein Slide bei uns, da drauf steht fünf Prozent der Challenge ist die Strategie, 95 Prozent ist die Execution."

Statt ein hübsches Deck abzuliefern und wieder zu verschwinden, geht das Team bis in den operativen Maschinenraum seiner Kunden – Marken wie Kapten & Son, RYZON, Tom Tailor, MADELEINE oder Gartenhaus, quer durch Fashion und Home & Living. Der Anspruch dahinter ist ungewöhnlich für eine Agentur: Man will die internen Teams befähigen und sich am Ende selbst überflüssig machen, statt Kunden dauerhaft abhängig zu halten.

E-Commerce nach dem Corona-Boom

Den Markt, in dem THREE.E arbeitet, hat der Corona-Effekt stark verzerrt. Viele Händler hielten den plötzlichen Online-Schub für den neuen Normalzustand und bauten Bestände, Fixkosten und Logistik entsprechend aus. Danach kam die Ernüchterung: Die Kurve fiel wieder auf ihr gewohntes Niveau zurück, zur „normalen S-Kurve", wie Femke es nennt. Übrig blieben Überbestände und Strukturen, die für ein Niveau gebaut waren, das nie zum Dauerzustand wurde. Seitdem drehen sich viele Projekte um dieselben Fragen: Wie werde ich überbestandlos, wie komme ich zurück in die Profitabilität, wie refinanziere ich die Investitionen aus der Boom-Zeit?

Loyalty statt Rabattschlacht

Ein wiederkehrendes Thema im Gespräch ist der Wert eigener Kundenbeziehungen. Über Marktplätze lässt sich zwar Reichweite kaufen, aber die wertvollen Daten und die direkte Beziehung zum Kunden bleiben dort außen vor. Femke plädiert deshalb für den Aufbau eigener Kanäle, sauberes CRM und einen ehrlichen Blick auf den Customer Lifetime Value.

Loyalty entsteht dabei nicht über die nächste Rabattaktion, sondern über Relevanz – lieber die richtige Mail zum richtigen Zeitpunkt als maximale Frequenz. Wer seine Kunden wirklich kennt, muss weniger in teuer eingekaufte Neukundschaft investieren.

Eine Agentur, die auf einem KI-Betriebssystem läuft

Am deutlichsten unterscheidet sich THREE.E von klassischen Agenturen durch die konsequente KI-Nutzung. Das Team hat sein komplettes internes Betriebssystem auf KI umgestellt – von der Bild-, Werbematerial- und Contenterstellung bis zu Analysen, die früher spezialisierte Tools oder eigene Analysten gebraucht hätten: Attributionsmodelle, Marketing-Mix-Modeling, Klickketten-Analysen.

„Es macht uns effizienter, es macht unsere Qualität besser und es vergrößert einfach den Raum der Dinge, die wir jetzt selbst machen können."

Konkret werden dadurch etwa Audits rund 30 Prozent günstiger. Damit steht die unbequeme Frage im Raum, die die ganze Branche umtreibt: Wenn die Maschine so viel übernimmt, wofür braucht es die Agentur dann noch? Femkes Antwort ist klar: für Erfahrung und Urteilsvermögen.

Die KI liefert Analyse und Rohmaterial, der Unterschied entsteht bei den Menschen, die einschätzen können, was davon wirklich zählt. Auch beim GEO-Hype bleibt sie nüchtern – nicht jeder Trend gehört sofort ganz oben auf die Roadmap.

Bootstrapped, Boutique und bewusst anders

So sehr THREE.E auf Effizienz setzt, so bewusst bleibt die Agentur klein. Femke hat mit zwei Kindern gegründet und will kein Unternehmen bauen, das nur über laute Hustle-Kultur funktioniert. Wachstum ist für sie kein Selbstzweck.

„Ich optimiere auf Zufriedenheit, nicht auf Geld. Das kann man, glaube ich, immer dann sagen, wenn man schon ausreichend Geld hat."

Diese Haltung ist Teil des Geschäftsmodells: eine profitable Boutique-Agentur, die ihre Größe steuert, statt ihr hinterherzurennen – und die zeigen will, dass Gründen auch ohne Selbstausbeutung geht.

Was ich im Interview gelernt habe

Mich hat am meisten beeindruckt, wie unaufgeregt Femke KI einsetzt: nicht als Marketing-Buzzword, sondern als Hebel, der ein kleines Team in Bereiche bringt, die früher großen Playern vorbehalten waren. Und trotzdem verliert sie den Menschen nicht aus dem Blick – weder im Team noch beim Kunden. Die Kombination aus „95 Prozent Execution" und „ich optimiere auf Zufriedenheit" ist erfrischend ehrlich.

Learnings für Gründer

  • Strategie ist wichtig, aber Umsetzung entscheidet – plane weniger Deck, mehr Maschinenraum.
  • KI ersetzt kein gutes Team, sie vergrößert den Raum dessen, was ein kleines Team selbst leisten kann.
  • Eigene Kundendaten und echte Loyalty sind mehr wert als jede kurzfristige Rabattaktion.
  • Nicht jeder Hype (Stichwort GEO) gehört sofort ganz oben auf die Roadmap.
  • Wachstum darf eine bewusste Entscheidung sein – Boutique und profitabel ist ein valides Ziel.

Schreib mir Feedback und Fragen gerne per E-Mail oder über LinkedIn.
Es würde mich sehr freuen, wenn du den Podcast kurz bewertest oder den Newsletter dazu einfach weiterempfiehlst - vielen Dank!


Ich bootstrappe übrigens mein eigenes Unternehmen "We Manage", welches Start-Ups und Unternehmen bei Cloud, DevOps und dem nachhaltigen Betrieb von Web Applikationen hilft - buch dir gerne jetzt ein Termin.

Jeden Montag

Newsletter zum Podcast

Nach der Anmeldung erhälst du jeden Montag die Zusammenfassung der aktuellen Folge in deine Inbox.

Großartig! Bitte überprüfen Sie Ihren Posteingang und klicken Sie auf den Bestätigungslink.
Entschuldigung, etwas ist schiefgegangen. Bitte versuche es erneut.