Bestattungen zum Festpreis, online buchbar – wie Memovida den Markt aufrollt (#175)

Bestattungen zum Festpreis, online buchbar – wie Memovida den Markt aufrollt (#175)

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In Folge 175 von Happy Bootstrapping spreche ich mit Katia Lübbert, Co-Founderin und CMO von Memovida, einem modernen Bestattungsunternehmen mit Hauptsitz in Berlin-Prenzlauer Berg. Memovida bietet bundesweit Bestattungen zum Festpreis an, transparent und online buchbar, von der Angebotserstellung bis zur Vollmacht.

Heute sind sie elf Mitarbeitende, haben sechs Standorte aufgebaut, machen knapp 100 Fälle pro Monat und sind seit September 2025 profitabel.

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Von PayPal und Coca-Cola in die Bestattungsbranche

Katia Lübbert hat über 20 Jahre Brand Marketing gemacht – für US-Konzerne wie PayPal und Coca-Cola, dazwischen Stationen in Agentur und Tech. Anfang 2024 hat sie alles auf null gesetzt, eine Auszeit genommen und dabei festgestellt, dass die Welt der Konzern-Marken für sie ausgereizt war.

Über persönliche Kontakte ist sie auf Manuel Kaiser gestoßen, der wenige Monate vorher mit Memovida gestartet war: ohne Bestatter-Background, dafür mit einem Founding Investor und der Überzeugung, dass die Branche reif für Konsolidierung und Digitalisierung ist. Die erste Bestattung hatte Manuel im Juni 2024 selbst durchgeführt – Ende 2024 stieg Katia als zweite Gründerin und CMO ein.

Der Markt, in dem Memovida unterwegs ist, hat in Deutschland rund 5.000 Anbieter. Die meisten sind klein, regional gebunden und führen den Betrieb in zweiter oder dritter Generation. Digitalisierung findet kaum statt, viele Standesämter wollen noch heute lieber ein Fax als eine E-Mail. Genau in dieser Gleichzeitigkeit aus emotional aufgeladenem Thema und operativer Rückständigkeit sieht Memovida den Hebel.

Das Modell: Festpreis, transparent und online buchbar

Memovida hat das Angebot radikal vereinfacht. Auf der Website lassen sich Bestattungen mit klaren Preisen konfigurieren, eine Feuerbestattung in Berlin kostet 2.550 Euro, alle Behördengänge inklusive. 95 Prozent der Fälle sind Feuerbestattungen, klassische Erdbestattungen die Ausnahme. Wer den Funnel anstößt, bekommt schnell einen Rückruf. Die meisten Aufträge entstehen am Telefon – vor allem ältere Angehörige rufen direkt an, statt online weiterzuklicken.

„Wir müssen zeigen, wie wir sind, mit wem man es zu tun hat – weil es ein sehr, sehr emotionales Thema ist." – Katia Lübbert

Die Website hat damit zwei Jobs gleichzeitig: Sie macht Memovida als Team und Marke greifbar und nimmt das Tabu aus dem Preisthema. In einer Branche, in der Angehörige in der schwersten Stunde mit intransparenten Angeboten konfrontiert werden, ist das schon Positionierung genug.

99 Prozent über SEO und SEA – und warum Stuttgart sich vor Stuttgart rechnet

Klassisches Performance-Marketing auf Meta oder LinkedIn spielt bei Memovida fast keine Rolle. 99 Prozent der Akquise laufen über die Google-Suche – organisch und über bezahlte Anzeigen kombiniert. Die Suche nach „Bestatter München" oder „Feuerbestattung Köln" ist nicht groß, dafür hoch intentional – und die Konversion von Suchanfrage zu Auftrag ist entsprechend stark. Memovida baut darauf systematisch Standortseiten und ein lokales Footprint-Modell auf, das mit vergleichsweise wenig Aufwand skaliert.

„Bei uns rechnet sich Stuttgart schon, bevor Stuttgart existiert." – Katia Lübbert

Das Standortmodell ist bewusst leichtgewichtig: Ein neuer Standort startet meist im Co-Working-Space, mit lokalem Bestatter vor Ort, der die Termine vor Ort macht. Berlin-Prenzlauer Berg ist seit Februar 2025 der erste echte Ladenlokal-Standort und dient als Vorzeigepunkt. München, Frankfurt, Hamburg, Köln und Leipzig stehen ebenfalls im Netz – sechs Standorte in gut einem Jahr, ohne klassisches Filialmodell mit hohem Kapitalbedarf.

Vorsorge, Black Friday und die Doppel-Panik

Neben dem akuten Bestattungsfall baut Memovida ein zweites Standbein auf: das Vorsorgegeschäft. Wer seine eigene Bestattung zu Lebzeiten regelt, hinterlässt Angehörigen weniger Stress und Memovida einen warmen Lead. Das Funnel-Denken zieht sich durch – inklusive einer Black-Friday-Kampagne, in der die Vorsorge-Urne verschenkt wurde. Polarisierende Aktion in einer Branche, die sonst keine Hooks kennt – und genau deshalb effektiv.

Trotzdem bleibt das Geschäft schwer planbar. Sterbewellen lassen sich nicht modellieren, Monate mit überproportional vielen Fällen wechseln sich mit ruhigen Phasen ab. Seit September 2025 ist Memovida profitabel, mit Ausreißern nach unten. Katias ehrlicher Satz dazu:

„Wir sind eigentlich immer in Panik – entweder kommen gefühlt nicht genug Kunden, oder die Zahlen kommen so wie wir wollen oder mehr, und dann ist das Team überlastet." – Katia Lübbert

Was sich nicht verschiebt: die emotionale Verantwortung. Bestattungen sind kein Produkt, das man drei Mal vergleicht. Entweder man hat den Need – oder nicht.

Was ich im Interview gelernt habe

  • Transparenz schlägt Schauspiel. Die Website verkauft Vertrauen und Preis, der Anruf konvertiert. In emotional aufgeladenen Märkten ist beides nötig.
  • Die Google-Suche ist in stark intentionalen Märkten der überlegene Kanal. Wer „Feuerbestattung Hamburg" sucht, will buchen, nicht stöbern – organische Treffer und bezahlte Anzeigen ergänzen sich.
  • Branchenfremder Background kann ein Asset sein. Wer die Branche nicht von innen kennt, fragt naive Fragen – und stößt dabei auf veraltete Standards.

Learnings für Gründer

  • Klarer Preis ist Positionierung. In Märkten mit Preis-Tabu öffnet Transparenz das Tor zum Anruf.
  • Standortausbau muss sich nicht von Tag eins rechnen. Co-Working-Vorstufen vor Ladenlokal halten den CapEx flach.
  • Vorsorgegeschäft ist langfristige Akquise. Wer heute den Funnel füttert, hat morgen Bestand.
  • Operativer Stress kommt in Wellen. Konjunkturresistent heißt nicht planbar.
  • Branchenklischees können zur Differenzierung werden. Wenn die Wettbewerber faxen, ist eine moderne Website schon Marketing.

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Andreas Lehr