Wie Dario Digregorio Apps baut, weil er Bock drauf hat – nicht weil er muss (#167)

Wie Dario Digregorio Apps baut, weil er Bock drauf hat – nicht weil er muss (#167)

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Die meisten Indie-Dev-Geschichten laufen nach einem ähnlichen Muster: Jemand kündigt den Job, wagt den Sprung, lebt von Ersparnissen, kämpft sich zur Profitabilität. Dario Digregorio aus Rosenheim macht es anders.

Er arbeitet 80 Prozent als Flutter-Entwickler bei Next Level Coffee, wo er an der nächsten Generation von Kaffeemaschinen mitbaut – und nutzt die restliche Zeit, um zwei eigene Apps zu entwickeln. Ohne Exit-Plan. Ohne Fulltime-Ambitionen. Und mit einer Gelassenheit, die in der Szene selten geworden ist.

In Folge 167 von Happy Bootstrapping erzählt er, wie YAWA und Apol entstanden sind, warum er bei 30 Euro MRR und 200 Euro API-Kosten trotzdem weitermacht – und was die besten Ideen mit seinem Hund zu tun haben.

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Eine Wetter-App, die sich nicht über Daten definiert

YAWA steht für „Yet Another Weather App" – ein Wortspiel für alle, die das Java-Akronym noch kennen. Der Name ist Programm: Dario tritt nicht mit dem Anspruch an, die präziseste oder feature-reichste Wetter-App zu bauen. Sein Ausgangspunkt ist ein anderer. Für ihn war das Gaming-Umfeld prägend – saubere, intuitive User Interfaces, die man sofort versteht, ohne Handbuch, ohne Feature-Dschungel. Genau das wollte er in einer Wetter-App umsetzen.

Das Ergebnis sind handgemachte Animationen, die Wetterbedingungen sichtbar machen. Regnet es stärker, sieht man das auch. Zieht Wind auf, bewegen sich die Wolken schneller. Nichts davon ist generiert, alles selbst gebaut. Zwischen 5.000 und 10.000 Downloads hat YAWA inzwischen eingesammelt. Eine kleine, treue Nutzerbasis, die genau diesen Ansatz schätzt.

„Ich dachte, ich fange einfach mit einer Wetter-App an, weil das schlicht und einfach ist."

Schlicht und einfach war es am Ende nicht. Die Wetter-API frisst jeden Monat rund 200 Euro, die reinkommen aus Abos liegen bei etwa 30 Euro MRR. Rechnerisch ein Verlustgeschäft – eines, bei dem die meisten längst den Stecker gezogen hätten.

Apol: eine Debattier-App, die sich in Länder verbreitet, die Dario nicht auf dem Schirm hatte

Die zweite App heißt Apol – Kurzform für „apolar". Der Ansatz klingt auf den ersten Blick abstrakt: Nutzer geben eine These ein, und KI-Personas diskutieren aus unterschiedlichen Perspektiven darüber. Man könnte das für ein Nischenexperiment halten, das in einer deutschen Tech-Blase versandet.

Tatsächlich ist das Gegenteil passiert. Apol hat bis zu 20.000 Downloads erreicht und etwa 1.000 monatliche Nutzer – komplett organisch, ohne bezahltes Marketing, ohne PR-Kampagne. Überraschend ist vor allem, woher die Nutzer kommen. Nicht aus Deutschland. Nicht aus den USA. Sondern aus China, Russland, Nigeria und den Philippinen. Ländern mit einer ausgeprägten Debattierkultur, mit Vereinen, Wettbewerben, einem echten sportlichen Ehrgeiz um das bessere Argument.

„Apol wächst in Ecken, die ich selbst nicht erwartet hatte – dort, wo Debattieren tatsächlich Kultur ist."

Das ist die Art Einsicht, auf die man nicht kommt, wenn man am Schreibtisch Marktanalysen schreibt. Sie kommt, wenn man eine App ohne Erwartungen rausstellt und anschaut, was passiert.

80 Prozent Festanstellung, 20 Prozent Freiraum – und warum das Absicht ist

Dario könnte theoretisch mehr auf die Apps setzen. Er könnte reduzieren, kündigen, den Sprung wagen. Will er aber bewusst nicht. Die 80-Prozent-Stelle bei Next Level Coffee ist für ihn kein Kompromiss, sondern die Grundlage, die es ihm erlaubt, die Apps so zu bauen, wie er sie bauen will – ohne den Druck, dass sie ihn sofort tragen müssen.

Gearbeitet wird freitags, samstags, sonntags. Wenn er Bock hat. Wenn nicht, dann eben nicht. Die besten Ideen kommen ihm ohnehin nicht vor dem Bildschirm, sondern beim Gassigang mit dem Hund. Diese Rhythmik ist kein Zufall – sie ist das eigentliche Produkt. Dario beschreibt seine App-Arbeit selbst als Zen-Garten. Etwas, das man pflegt, an dem man werkelt, das einem Ruhe gibt – nicht etwas, das einem im Nacken sitzt.

Seit er KI-Tools in seinen Entwicklungsalltag integriert hat, geht vieles schneller. Features, die früher Wochenenden gekostet haben, sind in Stunden fertig. Das verändert den Charakter der Nebentätigkeit: weniger Grind, mehr Gestaltung.

Was als nächstes kommt – und was ausdrücklich nicht

Das nächste Projekt ist bereits in Arbeit: eine Skincare-App, die Dario zusammen mit seiner Freundin baut. Wieder nebenher, wieder ohne Businessplan. Das Ziel ist bescheiden und klar – die Apps sollen sich im Idealfall selbst tragen, mehr nicht. Kein Exit, keine Übernahme, kein Pitch-Deck. Wer nach dem großen Wurf sucht, ist bei Dario an der falschen Adresse. Wer verstehen will, wie man nachhaltig und freudvoll Software baut, ist genau richtig.

„Ich will coole Apps bauen, die Leute benutzen wollen. Die sollen sich wenigstens selbst bezahlen – mehr brauche ich nicht."

Das ist in einer Szene, die oft von Skalierung, ARR-Wachstum und Serie-A-Runden spricht, fast schon eine politische Aussage. Und sie funktioniert – leise, organisch, in 16 Ländern.

5 Learnings für Gründer

  • Ein guter Job und ein Side-Project schließen sich nicht aus – im Gegenteil: Die finanzielle Sicherheit der Festanstellung nimmt den Druck raus, der sonst die kreative Arbeit killt.
  • UX kann wichtiger sein als Features. YAWA verkauft sich über Animationen, nicht über Datenpräzision – und findet damit seine Nische.
  • Organisches Wachstum passiert in Richtungen, die man nicht vorhersehen kann. Einfach rausstellen und beobachten ist oft mehr wert als jede Marktanalyse.
  • KI-Tools verändern den Möglichkeitsraum für Solo-Entwickler fundamental. Was früher Wochenenden gekostet hat, ist in Stunden fertig.
  • Nicht jedes Projekt muss einen Exit-Plan haben. Manche Apps dürfen einfach existieren, weil sie Spaß machen – und das ist ein legitimes Geschäftsmodell.

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Ich bootstrappe übrigens mein eigenes Unternehmen "We Manage", welches Start-Ups und Unternehmen bei Cloud, DevOps und dem nachhaltigen Betrieb von Web Applikationen hilft - buch dir gerne jetzt ein Termin.

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Andreas Lehr