Julia Derndinger: Sparring statt Coaching für Unternehmer (#171)
Julia Derndinger sitzt in Berlin und arbeitet seit zehn Jahren als Sparringspartnerin für Unternehmer:innen – nach über 20 Jahren als selbst gegründete Mehrfachunternehmerin. Sie betreibt zwei Modelle parallel: Im 1:1-Retainer für 5.000 Euro im Monat begleitet sie bis zu fünf Later-Stage-Gründer:innen mit Umsätzen zwischen 5 und 70 Millionen Euro.
Daneben läuft TeamJulia, ihr Gründerprogramm für 1.000 Euro im Monat mit bis zu 20 Teilnehmer:innen pro Jahrgang. Im Gespräch geht es um die CEO-Rolle, warum sie keine Frameworks anbietet und trotzdem ausgebucht ist und warum die meisten Startups nicht an falschen, sondern an fehlenden Entscheidungen scheitern.
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Zwei Modelle für zwei sehr unterschiedliche Zielgruppen
Julias Geschäft besteht aus zwei klar getrennten Marken. Die Derndinger GmbH ist das 1:1-Sparring für Later-Stage-Unternehmer:innen. Fünf Retainer-Kunden parallel ist ihre Vollauslastung. Die durchschnittliche Verweildauer liegt bei drei Jahren und länger. Zu ihren bekannteren Referenzen gehört Christoph Behn von der Kartenmacherei, den Julia von 10 auf 70 Millionen Euro Umsatz begleitet hat.
TeamJulia ist das andere Modell – ein zwölfmonatiges Gründerprogramm für 1.000 Euro im Monat, das remote läuft, mit einem Strategietag pro Jahr vor Ort in Berlin. Bis zu 20 Teilnehmer:innen pro Jahrgang, 80 Prozent davon gebootstrappt, der Frauenanteil liegt bei 50 Prozent. Programmleitung ist Johanna Küster, dazu kommen externe Expert:innen wie Christian Angel und Felix Schlegel, die selbst aktive Unternehmer mit Millionenumsätzen sind.
Sparring ist nicht Coaching
Beim Wort „Coach" macht Julia einen spitzen Mund. Coaches würden mit Frameworks arbeiten, mit Fragen, mit Curricula. Ihre Kunden hätten darauf keinen Bock. Was sie stattdessen leistet, beschreibt sie sehr nüchtern:
„Ich diene total gerne meinen Kunden. Ich koche denen auch einen Kaffee."
Konkret heißt das: Jede Woche wird das größte Problem gelöst, das gerade ansteht. Keine Workshops, keine Tools-Lizenz, keine Methode. Die Verfügbarkeit ist same day, ohne Vertrag, monatlich kündbar. Was nach Risiko klingt, ist Julias bewusster Hebel: Sie muss jeden Monat aufs Neue beweisen, dass sie es wert ist. Und ihre Kunden bleiben trotzdem – im Schnitt drei Jahre und länger.
Die CEO-Rolle als Spielfeld
Eines der wiederkehrenden Themen in Julias Sparring ist die Frage, wer im Gründerteam eigentlich CEO ist. Sie benutzt dafür ein Bild, das hängenbleibt:
„Die Aufgabe des CEOs ist, das Spielfeld zu definieren. Welche Sportart spielen wir? Stehen da sechs auf dem Feld oder elf? Brauchen wir einen Trainer, brauchen wir einen Koch?"
Der CEO ist nach Julias Definition der Clubbesitzer. Nicht der Spieler, der ins Tor geht, wenn der Torwart krank wird. Seine einzige Rolle ist, dafür zu sorgen, dass das Unternehmen überlebt. Die meisten Startups, sagt Julia, arbeiten in den ersten drei bis fünf Jahren nicht klar raus, wer diese Rolle hat. Damit hat sie jeder oder keiner – und genau das macht Teams dysfunktional.
Engpassfaktoren und die Frage nach fehlenden Entscheidungen
In den Later-Stage-Unternehmen, mit denen Julia im Retainer arbeitet, ist der Engpass selten der Kunde. Den Product-Market-Fit hat man dort meistens gefunden. Was bleibt, sind Zeit und Geld als Ressourcen – und damit die Frage: Worauf konzentriere ich mich diese Woche?
Julia stellt ihren Kunden dafür gerne die Frage, was sie tun würden, wenn Geld kein Engpassfaktor wäre. Die Antwort schärft, was wirklich wichtig ist. Aus ihrer Erfahrung scheitern die meisten Unternehmen nicht an falschen Entscheidungen, sondern daran, dass keine getroffen wird:
„Die meisten Startups gehen nicht an der falschen Entscheidung pleite, sondern daran, dass sie keine Entscheidung treffen."
TeamJulia als Versicherung – auch für Investoren
Über das Gründerprogramm hat Julia eine These, die im Gespräch sitzen bleibt: TeamJulia ist im Grunde eine Versicherung. In zwölf Monaten merke sie, wenn ein Co-Founder-Konflikt schwele, wenn der Product-Market-Fit nicht stimme, wenn der Sales-Pitch zu schwach sei. Und das schneller und ehrlicher als Investoren, weil das Umfeld verletzlicher ist und die Teilnehmer:innen nicht von ihr abhängig sind. Ihre Konsequenz: Wer 100.000 Euro in ein Startup investiert, sollte 12.000 davon in TeamJulia stecken. Von den sieben VC-finanzierten Teams, die Julia bisher im Programm hatte, haben danach alle eine erfolgreiche Runde geclosed.
Bauchgefühl als komprimierte Erfahrung
Julia beschreibt sich selbst als Macherin – sachorientiert, schnell, immer mit Zahlen, Daten, Fakten unterwegs. Und entscheidet trotzdem nach Bauchgefühl. Ihr Argument dafür ist eines der schönsten Reframings aus dem Gespräch:
„Unser Bauchgefühl ist die Summe unserer bisher getroffenen Entscheidungen. Unser Körper kann das schneller und besser auswerten als unser Hirn."
Weil Unternehmer:innen ihre Entscheidungen selbst durchtragen müssen, brauche es genau diesen weichen Faktor. Sonst halte das Commitment nicht. Reflexionsvermögen ist für Julia deshalb Unternehmerskill Nummer eins.
Key Takeaways
- Sparring statt Coaching: Keine Frameworks, kein Curriculum – jede Woche wird das größte Problem gelöst, das gerade ansteht.
- Zwei klar getrennte Modelle: Derndinger GmbH für Later-Stage-Retainer, TeamJulia für ambitionierte Gründer:innen ab ca. 250.000 Euro Jahresumsatz.
- Die CEO-Rolle muss benannt werden: Wer Clubbesitzer ist und wer Spieler, entscheidet, ob ein Gründerteam funktioniert.
Learnings für Gründer:innen
- Keine Verträge können ein Feature sein: Monatliche Kündbarkeit zwingt zur Lieferung – und schafft trotzdem Bindungen über mehrere Jahre.
- Engpassfaktor ist selten der Kunde: In Later-Stage-Unternehmen liegt der Hebel bei Zeit, Geld und Fokus, nicht bei Akquise.
- Fehlende Entscheidungen kosten mehr als falsche: Die meisten Unternehmen scheitern an Unklarheit, nicht an Fehlern.
- People Skills sind lernbar: Aber nur, wenn man erkennt, dass sie relevant sind – ohne sie bleibt man selbst und ständig.
- Bauchgefühl ist keine Esoterik: Es ist die komprimierte Erfahrung aller bisher getroffenen Entscheidungen.
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