200 Anwender, 5 Mitarbeiter, Ziel 3.000 Seats bis Jahresende bei amaiko.ai (#173)
Christian und Stefan Kirsch sind Brüder – und seit Mai 2025 gemeinsame Gründer der amaiko GmbH. Christian führt parallel weiterhin die Passion4IT mit 16 Mitarbeitenden, 4,5 Mio. Euro Umsatz und über 100 Mittelstandskunden aus dem niederbayerischen Viechtach. Stefan kommt aus der Berliner Startup-Szene und war zuvor Geschäftsführer bei Kialo. Beschlossen wurde das Ganze 2025 auf der OMR, gegründet im Mai – 50/50, eigenfinanziert, ohne Investoren. Heute haben sie 200 Anwender, bis Jahresende sollen es 3.000 Seats werden.
In Folge 173 von Happy Bootstrapping erzählen Christian und Stefan, wie aus einer 2022 entstandenen Idee zur Wissenssicherung im Mittelstand ein agentischer KI-Buddy für Microsoft Teams geworden ist – und warum sie trotz zweier Silicon-Valley-Reisen bewusst im Bayerischen Wald geblieben sind.
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Die Idee: Wissen sichern, bevor es geht
Die Grundidee zu amaiko entstand bereits 2022. Damals holte Christian seinen Vater aus dem Ruhestand zurück, weil bei einem ERP-Projekt der Passion4IT Produktionsknowhow fehlte. Aus der Frage, wie sich Wissen sichern lässt, bevor erfahrene Mitarbeitende in Rente gehen, wurde eine größere These: Der demografische Wandel und die Job-Wechselgewohnheiten der Generation Z lassen wertvolles Unternehmenswissen täglich verschwinden. Als Ende 2022 ChatGPT seinen Moment hatte, war für Christian klar, dass KI hier die naheliegende Lösung sein muss.
Zwei Reisen ins Silicon Valley folgten – die erste, um zu prüfen, ob das Problem schon gelöst war. Die zweite, mit Stefan im Gepäck und einem konkreten Produkt namens amaiko. Beide Male kam dieselbe Frage zurück: „Move here. Build here." Beide Male sind sie wieder nach Hause geflogen.
GmbH-Gründung beim Feierabendbier
Auf der OMR 2025 fiel die Entscheidung. Christian und Stefan haben gepitcht, was sie noch gar nicht gebaut hatten, die Resonanz war begeistert – und beim letzten Feierabendbier haben sich die beiden tief in die Augen geschaut und entschieden: Wir machen das jetzt wirklich. Im Mai 2025 wurde die amaiko GmbH gegründet. 50/50, ohne Investoren, ohne Tochtergesellschafts-Konstrukt zur Passion4IT.
„Es ist mir wurscht, ob das ein Zebra oder ein Einhorn ist oder ein niederbayerischer Wolperdinger – das wird einfach eine coole, erfolgreiche Geschichte werden." – Christian Kirsch
Christian führt parallel weiterhin die Passion4IT mit 16 Mitarbeitenden, 4,5 Mio. Euro Umsatz und über 100 Mittelstandskunden. Die Wachstumsgrenze von „maximal zehn Leuten", die er mir in Folge 77 noch erklärt hatte, ist im Februar 2025 gefallen. Stefan hat seinen Job in Berlin gekündigt und arbeitet Vollzeit an amaiko – ohne Sicherheitsnetz, mit Sparbuch.
Das Produkt: Ein KI-Buddy in Microsoft Teams

amaiko ist ein persönlicher KI-Buddy für den Wissensarbeiter im Mittelstand, tief integriert in Microsoft 365 und Teams. Statt einzelner Threads gibt es einen fortlaufenden Chat, der den Kontext behält, mitlernt und proaktiv arbeitet. Mails werden sortiert, Aufgaben angelegt, Termine vorbereitet, sogar die Tonalität wird aus den letzten 100 E-Mails übernommen. Das Pricing: rund 30 Euro pro Anwender und Monat, Tokens inklusive, in der Plus-Variante mit persönlichem Customer Success Manager.

Im Hintergrund läuft ein Agentennetzwerk mit GPT-Modellen auf Azure Frankfurt als Default. Wer möchte, schaltet auf Claude um oder nutzt die komplett europäische Mistral-Variante. Bewusst hat das Team darauf verzichtet, sich auf Microsoft-Copilot-SDKs zu verlassen – die gesamte Teams-Integration ist eigengebaut. Das macht es einfach, jetzt Google Workspace, Dropbox, Slack und Zoom anzubinden.
Drei Senior-Entwickler mit Claude Code
Spannend ist, wie das Team produziert. amaiko hat aktuell fünf Mitarbeitende, davon drei Senior-Entwickler im Tech. Stefan beschreibt das so:
„Wir sind drei Senior-Leute im Tech, und wenn man solche Menschen auf Claude Code loslässt, dann kommt da ein Output raus, der unvorstellbar ist. Früher hätte ich 20 bis 30 Leute für denselben Output gebraucht." – Stefan Kirsch
Kein Vibe-Coding, sondern erfahrene Entwickler mit klarer Architekturvorstellung, die KI-Tooling als Hebel nutzen. Die Geschwindigkeit ist auch ein bewusstes Asset gegen den Wettbewerber Microsoft – Google-Workspace-Integration in wenigen Wochen statt Quartalen.
OMR 2025: 140 Leads für 25.000 Euro
Vertrieblich läuft amaiko auf mehreren Schienen. Die Passion4IT-Kundenbasis liefert die ersten Piloten. SEO und GEO sind über eine Agentur angelaufen. Webinare einmal im Monat. Und vor allem: Events. Auf der OMR 2025 hat das Team 140 Neukontakte mit nach Hause gebracht. Christian schätzt die Gesamtkosten für den Stand inklusive Reisekosten, Übernachtung und entgangenem Umsatz auf rund 25.000 bis 30.000 Euro.
„Microsoft hat schon eine ganze Weile bewiesen, dass sie es nicht können. Die halbe Welt schimpft über Copilot, keiner will das Ding benutzen. Microsoft ist ein Öltanker, die bewegen sich in Eisbergsgeschwindigkeit." – Stefan Kirsch
Ein erster US-Kunde im Silicon Valley ist auch dabei – gewonnen über einen einzigen Reddit-Kommentar in einem Copilot-Frust-Thread.
Bayerischer Wald statt Silicon Valley
Christian und Stefan hätten Investoren-Geld nehmen können. Auf den Reisen ins Silicon Valley gab es konkrete Angebote, verbunden mit der Aufforderung, alles dorthin zu verlagern. Für Christian war das nie eine Option. Er empfindet es als „sozialethisch nicht fair", die Ausbildung hier mitzunehmen und dann wegzugehen – und ist überzeugt, dass eine Lösung für den europäischen Mittelstand auch in Europa entstehen muss. Das Ziel für Ende 2025 sind 3.000 Seats. Wann es 10.000 werden, lassen sie offen. Einen Exit-Druck gibt es nicht.
Key Takeaways
- KI-Tooling als Bootstrapping-Hebel: Drei Senior-Entwickler mit Claude Code produzieren mehr als 20 bis 30 ohne KI – das verändert die Kalkulation, ob Investoren-Geld überhaupt nötig ist.
- 50/50 unter Brüdern kann funktionieren: Wenn Skills, Lebenshintergründe und Verantwortungen klar abgegrenzt sind, ist die Gesellschafter-Aufteilung weniger wichtig als das gemeinsame Ziel.
- Geschwindigkeit als Asset gegen Big Tech: Wer schneller integriert als Microsoft, gewinnt im Mittelstand – egal wie groß der Marketingetat des Wettbewerbers ist.
Learnings für Gründer:innen
- Ein verlässliches Kerngeschäft (wie die Passion4IT) kann ein zweites Startup tragen – ohne dass es eine Tochtergesellschaft werden muss.
- Events lohnen sich, wenn nicht das Standpersonal, sondern echte Fachkompetenz vor Ort steht und aktiv Menschen anspricht.
- Reddit-Kommentare können Leads erzeugen – wenn sie hilfreich sind und nicht plump werblich.
- Investoren-Feedback ist nicht immer nützlich: „Komm mit 30.000 Euro MRR wieder" ist die Aufforderung, es selbst zu schaffen.
- Lokale Verwurzelung ist kein Nachteil. Eine Lösung für den europäischen Mittelstand muss in Europa entstehen.
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