widdix.de: Wie Andreas Wittig mit seinem Bruder vier SaaS-Produkte bootstrapped – 1.800 Kunden, null Angestellte (#160)
Andreas Wittig betreibt zusammen mit seinem Bruder Michael seit elf Jahren die widdix GmbH – zu zweit, ohne Angestellte, mit 1.800 Kunden weltweit. Die beiden haben sich auf Produkte rund um AWS spezialisiert und den Sprung vom Consulting zum reinen Produktgeschäft geschafft.
Ihr größtes Produkt, ein Virenscanner für Amazon S3, hat 60–70 Prozent US-Kunden. Eine Geschichte über die 80/20-Regel, furchtbar langsames Wachstum am Anfang und warum Durchhaltevermögen am Ende gewinnt.
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Die Gründungsgeschichte
Der Weg zu widdix beginnt mit einem Scheitern. Andreas und Michael arbeiteten bei einem Fintech-Startup in Stuttgart – das nicht überlebte. Aber sie hatten etwas mitgenommen: tiefes AWS-Know-how. Mit diesem Wissen machten sie sich selbstständig, schrieben zwei Fachbücher über AWS und begannen neben dem Consulting eigene Produkte zu entwickeln.
Die Strategie: 80 Prozent Consulting für den Cashflow, 20 Prozent Produktentwicklung für die Zukunft. Ihr erster Produktversuch, ein Virenscanner für Amazon S3 namens Bucket AV, brachte anfangs fast nichts.
"Am Anfang hast du 10 Dollar verdient, dann hast du 20. Das ist furchtbar demotivierend, weil dann denkst du, da musst du ja noch 100 Jahre warten, bis das was wird. Aber da dann dran zu bleiben – das kann dann halt doch nach fünf Jahren was werden."
Und genau so kam es. Bucket AV wuchs langsam, aber stetig. Heute ist es ihr größtes Produkt mit Kunden hauptsächlich aus den USA.

Das Produkt und Geschäftsmodell
widdix betreibt mittlerweile vier Produkte im AWS-Ökosystem, alle über den AWS Marketplace vertrieben. Das Hauptprodukt Bucket AV scannt Dateien in Amazon S3 auf Viren – ein Nischenproblem, das aber genug Unternehmen haben, um ein Business daraus zu machen.
Die Produktphilosophie ist radikal einfach:
"Was wir gelernt haben: Können wir das Produkt einfach erklären und passt es in drei Keywords? Das ist eigentlich unsere Strategie."
Vier Produkte zu zweit zu betreiben ist eine Herausforderung. Aber Andreas und Michael haben bewusst keine Mitarbeiter eingestellt. Die Komplexität bleibt überschaubar, die Margen hoch, die Entscheidungswege kurz.
Für Enterprise-Kunden war eine ISO-27001-Zertifizierung nötig. Kosten: rund 10.000 Euro pro Jahr. Ein Investment, das sich über größere Deals schnell amortisiert.

Marketing und Wachstum
Der AWS Marketplace ist der Hauptvertriebskanal. Kunden finden die Produkte dort, wo sie ohnehin nach AWS-Lösungen suchen. Das spart klassisches Marketing – aber bedeutet auch Abhängigkeit von einer Plattform.
Das Wachstum war nie exponentiell, sondern linear und langsam. Genau das macht Bootstrapping aus: Man unterschätzt, wie lange es dauert, Software am Markt zu etablieren. Wer das akzeptiert und durchhält, gewinnt.
Ein Learning, das Andreas teilt: Sie haben ihre Preise drastisch erhöht – und hatten Angst vor der Kundenreaktion.
"Wir haben eine relativ drastische Preiserhöhung gemacht, hatten dann Schiss, dass Kunden abspringen – hat sich kein einziger gemeldet. Das ist dann immer schade, dass man es nicht schon vorher gemacht hat."
Die Erkenntnis: Die meisten Bootstrapper preisen zu niedrig. Wenn niemand über den Preis klagt, ist er wahrscheinlich zu günstig.
Herausforderungen und Bruder-Dynamik
Elf Jahre Selbstständigkeit mit dem eigenen Bruder – und noch nie ernsthaft Streit gehabt. Das ist ungewöhnlich. Andreas erklärt es mit klarer Aufgabenteilung und ähnlichen Werten. Beide wollen das Gleiche: Unabhängigkeit, sinnvolle Arbeit, kein unnötiges Wachstum.
"Ich kann mir mittlerweile gar nichts anderes mehr vorstellen. Ich hoffe, dass das noch lange gut geht. Mich irgendwo anstellen zu lassen – das kann ich mir gerade schwer vorstellen."
Die Freiheit, selbst zu entscheiden, was man baut und wie man arbeitet, ist für Andreas der größte Wert. Kein Investor, kein Board, keine Rechtfertigung. Nur zwei Brüder, die Software bauen, die Kunden brauchen.
Das bedeutet auch: Anfragen für Unternehmensverkäufe werden abgelehnt. Es gibt keinen Exit-Plan, weil keiner nötig ist.
Was ich im Interview gelernt habe
Langsames Wachstum ist normal: Von 10 Dollar MRR zu einem echten Business dauert Jahre, nicht Monate. Wer das weiß und durchhält, hat einen Vorteil gegenüber allen, die zu früh aufgeben.
Drei Keywords als Produkttest: Wenn du ein Produkt nicht in drei Keywords erklären kannst, ist es wahrscheinlich zu kompliziert für den Markt – oder du hast das Problem noch nicht verstanden.
Preise erhöhen ohne Angst: Wenn sich nach einer Preiserhöhung niemand beschwert, war der alte Preis zu niedrig. Die meisten Bootstrapper unterschätzen ihren Wert.
Learnings für Gründer
- Die 80/20-Regel funktioniert: 80 Prozent Consulting für Cashflow, 20 Prozent Produktentwicklung. So finanziert sich das Produktgeschäft selbst, bis es trägt.
- Bootstrapping braucht Zeit: Man unterschätzt, wie lange es dauert, Software am Markt zu etablieren. Nebenher starten und durchhalten ist die Strategie.
- Zwei-Mann-Firma kann skalieren: 1.800 Kunden ohne Angestellte. Automatisierung und klare Produktfokussierung machen es möglich.
- Bruder-Gründungen können funktionieren: Klare Aufgabenteilung und ähnliche Werte sind der Schlüssel. Elf Jahre ohne ernsthaften Streit.
- ISO-Zertifizierung als Investment: 10.000 Euro pro Jahr klingt viel, öffnet aber Enterprise-Türen, die sonst verschlossen bleiben.
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Ich bootstrappe übrigens mein eigenes Unternehmen "We Manage", welches Start-Ups und Unternehmen bei Cloud, DevOps und dem nachhaltigen Betrieb von Web Applikationen hilft - buch dir gerne jetzt ein Termin.
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