Visito.me: Wie Sven nach 14 Jahren Mercedes eine All-in-One-Plattform für die Gastronomie aufbaut (#161)
Sven Feliks ist 33 Jahre alt, gebürtiger Esslinger und hat 14 Jahre lang bei Mercedes gearbeitet. Letztes Jahr nahm er die Abfindung und konzentriert sich seitdem Vollzeit auf sein Startup visito.me – eine SaaS-Plattform, die Gastronomen digitale Speisekarten, Reservierungssysteme, Bestell- und Bezahlfunktionen aus einer Hand bietet.
Gegründet hat er das Ganze bereits 2020 während Corona, gemeinsam mit drei Freunden aus der Studienzeit. Aktuell hat Visito 35 zahlende Kunden und 154 Gastronomen insgesamt auf der Plattform.
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Von der Corona-Nacht zum ersten Prototyp
Die Geschichte von Visito beginnt eigentlich mit einem ganz anderen Produkt. Sven und seine drei Mitgründer Alex, Dennis und Flo hatten während des Studiums eine Social-Media-App namens SWOT gebaut – eine Plattform, auf der man die Community über Entscheidungen abstimmen lassen konnte. Die App hatte rund 10.000 User, aber brachte keinen Umsatz. Als dann Corona kam und Gastronomen plötzlich die Kontaktdaten ihrer Gäste dokumentieren mussten, rief ein Bekannter bei Sven an und fragte nach einer digitalen Lösung.
An einem Freitagabend um 17 Uhr rief Sven seine Mitgründer an, sagte "alles liegen lassen, wir machen was Neues" – und um 3 Uhr morgens stand der erste funktionale Prototyp. Um 9 Uhr morgens lief Sven bereits durch Stuttgart und verkaufte das System an Gastronomen. Die Preise handelte er dabei wie auf einem Basar aus – 80 Euro beim ersten, 40 Euro beim nächsten. Seine Mitgründer nannten ihn den "Kameltreiber".
"Freitagabend, 17, 18 Uhr habe ich meine Jungs angerufen, habe gesagt: Männer, alles liegen lassen, wir machen was Neues. Um 3 Uhr war der erste Prototyp fertig."
Das Produkt und Geschäftsmodell
Visito versteht sich als "Amazon Prime der Gastronomie" – eine Plattform, die möglichst viele digitale Tools in einem Zugang bündelt. Zu den Kernfunktionen gehören eine mehrsprachige digitale Speisekarte mit Filterfunktion, ein Reservierungssystem, digitales Bestellen und Bezahlen, Stempelkarten, interne Pop-up-Werbung und seit Neuestem ein KI Voice Agent für Telefonreservierungen.

Das Pricing ist bewusst einfach gehalten: Es gibt eine kostenlose Basic-Version mit Profil und Linktree-Funktionalität sowie ein Premium-Paket für 69 Euro monatlich oder 699 Euro jährlich. Aktuell zahlen rund 80 Prozent der Kunden monatlich, 20 Prozent nutzen das Jahresabo. Im Vergleich: Ein Gastronom zahlte laut Sven allein 10.000 Euro im Jahr an Lieferando – bei Visito kommt man selbst mit Transaktionsgebühren nie annähernd an diese Summe.
"Wir wollen IT bezahlbar machen und das Amazon Prime der Gastronomie werden."

Marketing und Wachstum
Sven ist bei Visito der "Junior für alles" – Vertrieb, Marketing, Onboarding, Support. Seine drei Mitgründer arbeiten noch in Vollzeit in ihren Jobs und kümmern sich um die Entwicklung. Der Vertrieb läuft über einen Mix aus klassischem Türklinkenputzen und Social-Media-Ads. In Hamburg druckte Sven 200 Pitch-Decks aus und lief damit von Gastro zu Gastro. Von den 200 meldeten sich fünf mit Interesse – der zeitliche Aufwand war hoch, der Ertrag überschaubar.
Weiterempfehlungen funktionieren dagegen besser. Ein Kunde am Berliner Alexanderplatz, der von Open Table zu Visito wechselte, bot direkt an, fünf bis sechs neue Kunden aus seinem Netzwerk zu bringen. Außerdem veranstaltete Sven einen Hackathon mit der Stadt Stuttgart und der DEHOGA, bei dem 37 Teilnehmer kamen und aus dem sich bereits konkrete Leads und potenzielle Teammitglieder ergaben.
Die Mercedes-Abfindung als Startkapital
Nach 14 Jahren bei Mercedes nutzte Sven das Abfindungsangebot als persönlichen Runway. Die Abfindung war ein standardisierter Prozess, abhängig von Betriebszugehörigkeit und Alter. Für fünf Jahre reicht das Geld laut Sven nicht, aber mit Unterstützung seiner Frau hat er sich ein Zeitfenster von etwa einem Dreivierteljahr gegeben. Das gesamte Geld, das Visito erwirtschaftet, fließt direkt zurück in Werbung – keiner der vier Gründer zahlt sich aktuell ein Gehalt aus.
"Wenn mich jemand in zehn Jahren fragt, ob ich mich alles getraut habe, dann kann ich jetzt mit reinem Gewissen sagen: Ja."
Was ich im Interview gelernt habe
Gastro-SaaS braucht einen langen Atem: Der Markt ist riesig – 35.000 Gastronomen öffnen und schließen jährlich in Deutschland – aber die Digitalisierungsbereitschaft ist noch nicht flächendeckend da. Sven hat nach fünf Jahren 35 zahlende Kunden und kämpft sich Stück für Stück voran.
Weiterempfehlungen schlagen Kaltakquise: 200 Türklinken-Besuche in Hamburg brachten fünf Interessenten. Ein einziger zufriedener Kunde in Berlin bot direkt an, mehrere neue Kunden mitzubringen. Authentische Empfehlungen sind im Gastro-Bereich Gold wert.
Der Sprung aus dem Konzern braucht einen klaren Zeitrahmen: Sven hat sich mit seiner Frau ein Zeitfenster gesetzt, lebt bewusst minimalistisch von der Abfindung und hat ein klares Ziel: 200 bis 250 Kunden bis Jahresende. Einen Plan B gibt es bewusst nicht.
Learnings für Gründer
- Corona als Katalysator nutzen: Der plötzliche Need für digitale Kontaktverfolgung öffnete die Tür zur Gastronomie – Sven und sein Team bauten über Nacht einen Prototyp und waren am nächsten Morgen beim Kunden.
- Preismodell einfach halten: Eine Flat-Fee statt Transaktionsgebühren pro Reservierung differenziert Visito klar von Open Table und Lieferando – und ist für Gastronomen sofort verständlich.
- Kundenfeedback als Produktstrategie: Visito baut Features, die Gastronomen tatsächlich anfragen – vom KI Voice Agent bis zu Pop-up-Werbung. Die Kunden sind quasi die Product Owner des Backlogs.
- Gründerteam muss harmonieren: Vier Freunde, vier verschiedene Köpfe, aber gemeinsame Entscheidungen – Sven betont, dass er sich mit seinen Mitgründern weniger streitet als mit manchen Freunden.
- Bootstrapping heißt Reinvestieren: Das gesamte erwirtschaftete Geld fließt zurück ins Unternehmen. Keiner der Gründer zahlt sich aktuell ein Gehalt aus – der Fokus liegt auf Wachstum.
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